Ein Jahr nach meinem ersten offiziellen Slam im Mergener Hof in Trier, versuchte ich es wieder in der Stadt der alten Romanen, dieses mal mit einem Text im Gepäck, den man nur als sehr telefonzellig bezeichnen konnte. Er folgt wie immer unter den hier vermeldeten unnötigen Einleitenden Blabla. Es war wieder ein großartiger Abend bei dem Kai Bosch als verdienter Sieger hervor ging und ich neue Bekanntschaften schloss und mir einmal mehr mein Standardgesicht vorgeworfen wurde. Ich kann ja nichts dafür, dass meine Eltern den Editor weggeklickt haben.
Mein Telefonzellentext überzeugte genau einen Menschen, der mir nach dem Auftritt selbstverständlich noch Fragen zum Text stellen wollte. Ich verhinderte aber ein Gespräch weil ich ja noch zum Jet musste und das ist nicht wahr. Wir plauschten jeweils drei Zeilen, was das Gespräch zu einem literarisch doppelt so relevanten Stück machte, als es der Text war über den es eigentlich ging.
Seine Frage ging dahingehend, wie ich auf Telefonzellen kam, da diese ja kaum noch zu sehen sind. Falls du dir die Mühe machst, und den angehangenen Text durchliest oder sogar da gewesen bist und ihn damit vorgelesen bekommen hast, wirst du unter Umständen wissen, dass das nicht das Fragwürdigste an dem Text war. Aber solche kleinen Dinge machen mich sehr zufrieden.
Vielleicht werden sich einige der andern Künstler sogar nochmal an mich erinnern, wenn ich versuche meinen Unsinn im Land zu zerstreuen. So lernte ich zum Beispiel No Limit kennen, der den Slam ohne Grenzen in Köln ausrichtet. Aber naja, mal sehen, erst einmal folgt im April ein Versuch auf der Koblenzer Bühne im Circus Maximus. Da freu ich mich schon ganz besonders drauf.
Es folgt der Vorrundenausscheidtext:
Es war ein unüblicher Samstag Nachmittag in der Stadt, die wenigen anwesenden Menschen hatten sich in der Altstadt versammelt, weil dort mehr Geschäfte waren als eben nicht dort. Nur Robert, Robert war fertig mit ihnen, er dachte sich „fick das System“ und verließ die homogene Gruppe herum wuselnder Menschen. Er wollte hier, etwas Abseits, dem Bus zusteigen. Damit alle im Bus so denken würden: „Huihui, hier steigt doch sonst nie einer ein. Was ein Teufelskerl.“
Robert hatte diesen Plan über die letzten Wochen immer weiter ausgefeilt. Jede ihm erdenkliche Variable hatte er berechnet, für diesen einen ganz großen Clou.
„DREIZEHN UHR EIN-UND-DREIßIG!“, schrie ihm seine Armbanduhr unnötige laut zu.
Das war eine großartige Uhrzeit, in vier Minuten käme schon der Bus und mit ihm käme Roberts Ruhm. Noch einmal schaute er auf den Fahrplan um sich zu vergewissern und ja, da stand es 13:35 Uhr. Ein diabolisches Grinsen durchfuhr seine Mimik.
„Ring Ring Ring Ring.“,
obwohl er diesen Klingelton nicht kannte schaute er sicherheitshalber mal auf sein Smartphone, und wie er erwartet hatte, war da auch kein Anruf.
„Ring Ring Ring Ring.“, machte es wieder und er wusste, dass das Geräusch ja wohl irgendwo herkommen musste.
–
Da,…
da stand eine Telefonzelle, er hatte sie bis gerade gar nicht wahrgenommen.
„Ring Ring Ring Ring.“, sagte diese nun etwas ruhiger, da sie bemerkt zu haben schien, dass ihr die Aufmerksamkeit geschenkt wurde, die sie bereits seit zwölf Rings versuchte zu bekommen.
„Mmmh,“, dachte Robert und war enttäuscht, dass er für diesen Gedanken überhaupt Kapazitäten verwendet hatte. Leise vor sich hin murmelnd setzte er den Gedankengang schließlich fort: „Da ruft jemand auf die Telefonzelle an. Mmmh, oder heißt es bei der Telefonzelle? – Aber warum? – Und warum gibt es überhaupt noch Telefonzellen… Klar, könnte so ein Testanruf oder sowas sein, um einfach mal zu schauen, ob die alle noch erreichbar sind. Aber dann würden die ja nicht so lange klingeln… mmh… Vielleicht auch so ein Werbeanruf, dass da so ein Scherzkeks am Bahnhof irgendwas gratis abgegriffen hat und dann einfach die Nummer der Zelle angegeben hat, hihi das wäre lustig. Aber was, was hat er abgegriffen?…
Und… was ist wenn es tatsächlich für mich ist? Was, wenn das so ein Scharfschützentyp ist, der irgendwie meine Familie als Geisel hält? Wie in diesem Film… mmh.“,
„Ring ring ring ring“, unterbrach ihn die Telefonzelle ungeduldig,
„Halt die Klappe, ich überlege noch.“,
„Ring ring ring ring“, antwortete sie mit gesenkten Kopf und den Fuß so über den Boden kreisend.
„Oder es ist meine Frau… Oh Gott, was, wenn ihr was passiert ist und es dringend ist? Vielleicht ist mein Sohn oder meine Tochter im Krankenhaus, weil sie sich den Fuß gestoßen haben? Am Tisch zum Beispiel, oder an der Komode!“, er trat ein paar Schritte näher an die Telefonzelle heran.
„Ring ring ring ring“, versuchte sie ihn schelmisch weiter zu locken. Aber er blieb wieder stehen.
„Moment mal ! Woher sollten die denn wissen, dass ich hier bin? Ich habe doch niemanden von meinem Plan erzählt… Dafür ist der Plan einfach zu wichtig. Außer vielleicht, – ja, vielleicht hat sie so eine Trackingapp auf meinem Handy installiert, nur für den Notfall, nicht zum überwachen meine ich. Aber warum ruft sie dann nicht aufs Handy selbst an?…
Aber vielleicht ists vom Festnetz einfach günstiger auf eine Telefonzelle anzurufen?…
Aber, woher hat sie die Nummer der Zelle?“,
„Ring ring ring ring“, wendete die Telefonzelle genervt ein.
„Was soll schon passieren?“, Robert trat nun direkt an die Zelle heran und hob den Hörer ab, als er schon den anfahrenden Bus im Ohrenwinkel hörte.
„Verdammt“, dachte er, legte schnell auf.
„Rang Rang Rang Rang“, hörte er eine Stimme hinter sich sagen, noch bevor er sich umgedreht hatte. War hier noch eine Telefonzelle?
Und tatsächlich, als er sich umgedreht hatte, stand sie da, viel breiter und höher als die erste, wie war sie nur plötzlich direkt hinter ihn gekommen?
„Sorry Jungs, muss zum Bus.“, er fühlte sich etwas lächerlich, dass er mit unheimlichen Telefonzellen sprach. Dann versuchte er rechts an der großen Zelle vorbei zu gehen doch:
„Rong Rong Rong Rong.“, eine weitere Zelle schnitt ihm den Fluchtweg ab, er konnte durch ihre gläserne Hülle den Bus bereits wieder abfahren sehen.
„Neeeeeeeeeeeeein!“, rief er wie jemand dessen Lebenswerk gerade zerbrochen war.
„Ihr seid wirklich Mega-gruselig und gemein!“, Robert versuchte den letzten Ausweg, nämlich links rum, also ehemals links, nicht ganz am Anfang, da wars noch rechts gewesen, jetzt wars aber hinter ihm.
„Reng Reng Reng Reng“,
„Rung Rung Rung Rung“,
der junge Mann hätte sicherlich versucht dem nicht nur Nervtötetenden sondern auch Nervzersetzenden Klingelgeräuschen zu entfliehen. Aber es gab keinen Ausweg mehr, der Weg nach oben schien ihm einfach viel zu schwer. Laut und mit ein kleinen wenig energischer Sorge in der Stimme sprach er: „Bevor ich hier versuche zu Klettern, sterbe ich lieber auf diese sehr ominöse Weise. Ist das das richtige Wort? Ominös…“,
das Selbstgespräch wurde durch die brutalen und rücksichtlosen Klingelattacken übertönt, sodass man nicht nur nicht mehr erfuhr, ob er mit dem Wort „Ominös“ an dieser Stelle zufrieden gewesen war, sondern auch sonst nie wieder etwas von ihm hörte.
Genüßlich labten sich die Telefonzellen am Fleisch ihres ersten Opfers. Dies war aber lediglich der Anfang einer Reihe von grausamen Morden, die Mangels Fingerabdrücke nie gänzlich geklärt worden waren.
So oder so, zeigt das mal wieder, dass die Welt voller Gräuel und Schandtaten ist. Wie sollen wir ruhig schlafen können wenn die Technologien von Früher sich zusammenrotten und uns schließlich übermannen.
Diese Geschichte ist so, oder so ähnlich tatsächlich in Orderville, Utah 2011 geschehen.
Die Hinweise, wie sich die Geschichte tatsächlich abgespielt hatte, kamen letzten Endes von einem betrunkenen alten Mann, dessen eingereichter Lebenslauf nicht nur bereits über dreihundert Jahre zurück reichte, sondern auch einige andere verblüffende und ungeklärte Ereignisse aufdecken konnte. Er hatte auf seine Mutter geschworen, dass er das ganze miterlebt und für die Nachwelt notiert hatte.
X = ...
Y = ...