Am 12. Oktober 2019 hatte ich die Gelegenheit in meine Heimat zu fahren und dort mit meinen Kurzgeschichten einen guten letzten Platz zu belegen. Gut, weil ich nicht mehr als zwei Punkte hinten lag!
Der Frauenchor Plaidt e.V. hatte die große Location zu einem schönen Sitzgruppen – Ambiente dekoriert und durch eine Theke die insbesondere Weine anbot, sicher gestellt, dass ich ohne große Nervosität auf die Bühne treten konnte.
Abgestimmt wurde durch an fünf neutrale Zuschauer verteilte Stimmkarten. Ich hatte natürlich einen der neutralen Zuschauer bestochen, indem ich in die Vergangenheit gereist bin und eine tiefe Freundschaft mit ihr aufgebaut habe.
Gereicht haben meine Betrugsbemühungen trotzdem nicht. Die Freundin entpuppte sich als faire Jury. Ich ärgerte mich ganz dolle, so etwa: „Uarg, verdammt, mist…“
Jeder Slammer durfte zwei Texte vorlesen, wodurch ich kurz in die Bredouille kam. Zwar hatte ich einen Text für genau diesen Slam geschrieben, empfand ihn aber nicht mehr als „gut genug“. Also trug ich einen vor den ich für meinen kommenden Slam in Linz geschrieben hatte und einen den ich bereits auf dem Slam am Fluß, außer Konkurrenz vorgetragen hatte.
Soviel zum Thema keine Wiederholungen… Wobei ich ja noch Zeit hatte für Linz einen neuen zu schreiben…
Der Slam selbst war eine schöne Mischung aus verschiedenen Stilen welcher in einem Finale endete welches über Applaus gewertet wurde und zu keinem klaren Sieger führte. So waren die beiden Finalisten Jan Coenen und Lasse Samström, dazu gezwungen die einzig richtige Methode anzuwenden um die Schmach eines Doppelsiegs zu vermeiden: Ganzkörper-Schnickschnackschnuck. Jan gewann schließlich mit einem Souveränen Vorsprung, da er den Stein wählte.
Da stand sie, ein Bild so offensichtlich perfekt, dass sein Kiefermuskel seinen Dienst verweigerte und sein Speichel die Chance ergriff um in Fäden aus der Mundhöhle zu fließen. Es entstand ein Fluss der unaufhaltsam auf dem Polyester/Baumwoll Gemisch des Pullovers in Richtung Boden wanderte. Der Polyesteranteil war viel zu groß um ein einziehen der Flüssigkeit in den Pulli zu ermöglichen.
Vor ihm stand ohne jeden Zweifel seine Traumfrau. Um auf Nummer sicher zu gehen musterte er sie genau und zählte mit stummer Lippenbewegung ihre Arme: „Eins, zwei“ sagte seine Stimme in seinem Kopf und seine Lippen taten das gleiche. Trotzdem blieben die Stimmbänder ruhig.
„Das ist genau die richtige Menge an Armen!“, brüllte er vor Erleichterung. Diesmal blieb seine Kopfstimme stumm. Er hatte nichts gegen Leute mit mehr oder weniger Armen, aber irgendwie passte das nicht in sein Schönheitsideal. Ehrlich, er war da kein Gliedmasist oder wie das heißt, er hatte viele Freunde die ein oder drei Arme hatten. Und mit denen kam er ja auch zurecht. Aber schlafen würde er nicht mit ihnen.
Auch ansonsten schien die Frau auf ihn eine Projektion seines Idealbildes eines Partners, die richtige Menge Augen, die richtige Menge Nasen die richtige Menge Wangen.
Selten war er so übermannt von der bloßen Sichtung einer Person wie diesmal. Auch der Punkt war in seinen Augen auf ihn zugeschnitten. Sie schien genau die richtige Menge an Personen zu sein.
Etwas eingeschüchtert ob der ihm offenbarten perfekten Frau trat er vorsichtig an sie heran.
Der Bass droppte und ihr Kopf fiel mit dem Bass nur um schließlich mit dem Wieder-Einsätzen des Beates abzuspringen und mit geschlossenen Augen sich dem Song hinzugeben.
„Eins, zwei, drei, vier…“, zählte er während er sich ihr näherte. „Genau die richtige Menge an Sprüngen!“, freute er sich, als er das scheinbar perfekte Taktgefühl in ihren Hopsern mitzählen konnte.
Er näherte sich ihr weiter und fühlte sich etwas unwohl. Er kannte sie ja gar nicht, wie sollte er sie also ansprechen ohne creepy zu wirken?
Es war ja schon Clichee genug sich jemanden auf der Tanzfläche anzunähern. Sollte er auf einen dummen Spruch setzen? Die kamen mittlerweile gut an, weil sie ironisch aufgenommen wurden. In seinen Kopf versuchte er es ihr gleich zu tun und genau die richtige Menge an Wörtern sowie genau die richtige Menge an Ironie und Interesse in einen Satz zu formulieren.
Er hatte ja bloß einen Versuch. Aber das war ja genau die richtige Menge an Versuchen.
Er erreichte Sie und begann gegen den Techno an zu stammeln: „Hi,… ich.. äh… wollte nur fragen,…äh keine Ahnung, wie geht’s?“,
sofort ärgerte er sich über seine Uneloquenz, hatte er nicht gerade noch davon gedacht die richtige Menge an Aussage in die ersten Worte zu packen.
„Mmmh?“, reagierte sie trotzdem mit keiner mitschwingenden Abneigung in ihrer Stimme.
„Ob,… äh, wie es dir geht?“, fragte er wieder, kaum besser formuliert als beim ersten mal. Aber er bemerkte wie er Übung bekam.
„Oh ganz gut und selbst?“, fragte sie unbekümmert während ihr Kopf im Takt von Links nach Rechts und wieder zurück wanderte.
„Ja auch… Äh ich wollte dir nur sagen, dass du genau die richtige Menge an Armen hast.“, erklärte er sich und schlug sich im Kopf die Flache Hand gegen eben diesen. Zwar schien er das stottern im Griff zu haben, aber irgendwie waren die Sätze qualitativ trotzdem nicht besser.
„Danke, glaube ich.“, antwortete sie lächelnd: „Ich glaube so bin ich noch nie angesprochen worden.“
Sie war offensichtlich zufrieden mit seinen gewählten Worten, es war wohl genau die richtige Menge an Weirdness darin zu finden. Nur so konnte er sich ihre Reaktion erklären.
„Ich finde auch die Menge an Wangenknochen perfekt.“, ergänzte er übermütig, um an den Erfolg des ersten Satzes anzuknüpfen.
„Und Nasen, die perfekte Menge. Und auch deine Augen, deine Haare…“, mit jeder perfekten Menge die er nannte verschwand das Lächeln der angesprochenen.
„Genau die richtige Menge Brüste.“, ergänzte er gerade, während er näher an sie herantrat.
Er hob die Arme um die Stelle ihrer Brüste anzudeuten als die Freude über den komischen Kauz zu Ablehnung Umschwang. Offensichtlich zu Abneigung, Ablehnung oder Hass. Es war genau die richtige Menge Weirdness um eine Panikreaktion bei seines Gegenüber auszulösen.
Das Pfefferspray in seinen Augen, war genau die richtige Menge um ihm die Menge Schmerz zu erzeugen die es ihm verbat auf seinen Beinen zu bleiben.
Sein Schmerzensschrei, hatte die richtige Lautstärke um die Sicherheitsleute des Clubs zu ihnen zu locken und mit genau der richtigen Menge an Gewalt wurde er aus dem Club getragen und auf die Straße gesetzt.
Vor ihm hielt kurz darauf ein Fahrzeug mit einem jungen Fahrer. Der Mann krubelte sein Fenster herunter und fragte den rausgeworfenen ob alles in Ordnung wäre.
Das war genau die richtige Menge an Fürsorge, dachte er mit noch immer tränenden Augen. Sein Blick scannte den Fahrer.
„Soll ich dich irgendwo hinbringen?“, fragte er freundlich.
„Sie haben genau die richtige Menge an Armen.“, antwortete er ihm leicht dümmlich.
Meine Geburt war ein Phänomen. –
Hier oben auf dem Berg wurde mir das Leben geschenkt. Ich war zwar noch recht jung zu dieser Zeit, aber es gibt da schon einige Details die mir noch gut in der Erinnerung geblieben sind.
Zunächst mal, war da miene Mutter, na klar, ich pflege auch heute noch einen regen Kontakt zu ihr. Sie war selbst nicht von hier.
Sie war ein Alien, könnte man sagen.
Wobei, das sicher falsch verstanden werden könnte, also ja, sie war nicht von dieser Erde, das ist schon korrekt, aber sie war eben auch kein Lebewesen.
Sie war als in Dattenberg eintraf, ein Meteor gewesen. Sie hinterließ einen tiefen Krater, der sich alsbald zu einen kleinen See mit Wasser füllte.
Sie selbst fühlte sich im steigenden Wasserpegel nicht wohl, ja sogar deplatziert und das führte zu einer Existenzkrise. Sie hinterfragte sich und insbesondere ihre Art, sodass sie sich dazu entschied fortan als Frau auf dieser Welt zu wandeln. Denn nur so standen ihr die Türen offen, Dinge zu tun, Zeug zu tätigen und Sachen zu machen.
Schließlich führte eins zum Anderen, und zack, da war sie Schwanger.
Dann machte die Zeit was sie immer tat, wenn ihr langweilig war und so sorgte das verschreiten dieser, schließlich zu der bereits angekündigten Geburt meiner Entität.
„Sohn?“, fragte meine Mutter mit strengem Blick.
„Ja Mutter?“, antwortete ich etwas unbeholfen, ich war ja gerade erst geboren worden und das Sprechen fiel mir noch etwas schwer.
„Es ist an der Zeit.“, entgegnete sie mir und reichte mir einen Kurzbogen und einen Köcher mit sieben Pfeilen darin.
Ich müsste beweisen, dass ich als Mensch mehr als bloß ein hilfloses Baby sein konnte und sollte meine bisherigen Fähigkeiten zur Schau stellen.
Also kleidete ich mich ein, zerriss die Nabelschnur und nickte der Frau zu, die aber bereits den Raum verlassen zu haben schien.
–
Dann stellte sich heraus, dass sie doch noch da war und sie eine Zeitung abgesenkt vor sich liegen hatte.
Sie hob die Zeitung erneut und verschwand auch wieder, es würde eine Weile dauern bis ich dieses Phänomen verstehen könnte.
–
Meine Fontanelle war weich.
Aber mein Wille, diese Aufgabe zu erfüllen war hart wie Stahl.
Als ich im Wald den dritten Otter erlegt hatte, erkannte ich, dass die Jagd aus reiner Tatenlust ohne erkennbare Verwertung der Kadaver, nicht fair oder gar edel war. Es war nur ein grausamer Sport der in eine Zeit gehörte in der ich wohl gerade nicht war.
Mit zornrotem Kopf stapfte ich zurück in die Richtung des Kranknehauses, aber der Wald war voller Pflanzen, die ich noch nie gesehen hatte und jeder Ast schien ein unüberwindbares Hindernis für mich zu sein.
Ach, ach hätt ich nur erst einmal das Laufen oder zumindest das Krabbeln erlernt, bevor ich so übermütig und unvorbereitet losgezogen war.
Traurig sackte ich zu Boden und langsam kam auch Hunger auf. Doch wovon sollte ich mich ernähren? Weit und breit gab es nur Tiere; Beeren und Pilze.
[empört]Aber Rohkost für ein Säugling?
Mir war bewusst, Babys würden solche Sachen nicht essen oder gar vertragen und ich konnte ja schlecht, nach ein Paar Stunden Lebendigkeit bereits mit einer Lebensmittelvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert werden, hatte ja noch nicht einmal Zeit gehabt eine Krankenversicherung abzuschließen.
Stunden saß ich im Wald und beobachtete mit weiten Augen die zahllosen wilden Tiere an mir vorbei huschen. Was hatten die es nur so eilig? War hier irgendwie eine Art Säugetierrennen?
Säugetierrennen…
Säugetiere
„Potzblitz“, entfuhr es mir plötzlich und zur Verwunderung der anwesenden Waldbewohner.
„Das sind fast alles Säugetiere!“
Ich hatte soeben begriffen, dass ich lediglich eines dieser Tiere fangen musste um an deren Gesäuge zu gelangen. Das war es doch was Kinder groß und stark machte, Milch.
Also baute ich eine Lebendfalle und dadurch gelang es mir an den Zitzen eines Eichhörnchens genügend Energie zu tanken um meinen Waldaufenthalt zu überstehen. Trotzdem musste ich noch irgendwie aus dem Wald finden.
Mit den Jahren lernte ich im Wald gut und auch zufrieden zu leben und als sich im Alter von zwei Jahren mein Orientierungssinn ausprägte, erinnerte ich mich wieder an den Weg zurück ins Krankenhaus.
Meine Mutter saß dort wo ich sie verlassen hatte auf ihrem Schoß lag eine Zeitung.
Sie nickte mir anerkennend zu und an mir vorbei zog mein frisch geborener Bruder, mit Steinschleuder und Rucksack ausgerüstet an mir vorbei, aufdass auch er seine Ausbildung zum Menschen beginnen konnte.
Ich selbst jedoch war nun endlich etabliert, klar die Meteorgene ließen mich immer wieder in die ferne schweifen und den Drang verspüren nutzlos im All herum zufliegen, aber naja, eigentlich spielt ja jeder mal mit dem Gedanken Astronaut zu werden.
X = ...
Y = ...