Auf diesem Slam durfte ich als Featured Poet / Opferlamm einspringen. Der Slam fand am frisch renovierten Zurlaubener Moselufer in Trier statt und bot eine wunderschöne Location mit Blick auf die Mosel und die Hochschule auf der anderen Seite.
Ich bekam gegen Mittag eine Facebook Nachricht, dass gerade ein Slammer ausgefallen wäre und ob ich nicht Lust hätte mich auf einer weiteren Bühne zu versuchen. Und wie das so ist, hatte ich sowieso vor dahin zu gehen und dann kann man auch mal eben oben stehen.
Da das alles etwas kurzfristig war und ich bis kurz davor noch arbeiten musste, hatte ich mir keine Einleitung zurecht gelegt und war etwas zu müde um einen meiner feschen Sprüche raus zuhauen. Hatte dann doch die Auswirkungen eines Arbeitstags auf mein Gemüt etwas unterschätzt.
Entsprechend war ich mal wieder etwas flott unterwegs aber ich glaube das wunderschöne Trierer Spätsommerabendpublikum konnte darüber hinweg sehen. Eine Person rief sogar zu Recht, als die Ablehnung in meinem Text eintraf.
Da ich außer Konkurrenz war, hatte ich aber keinerlei Leistungsdruck, denn selbst wenn man bei einem Slam vor allem unter Freunden ist, ist eben doch häufig der Wunsch da einen zweiten Text lesen zu dürfen. Immerhin hat man ja auch mehrere geschrieben.
Da stand sie, ein Bild so offensichtlich perfekt, dass sein Kiefermuskel seinen Dienst verweigerte und sein Speichel die Chance ergriff um in Fäden aus der Mundhöhle zu fließen. Es entstand ein Fluss der unaufhaltsam auf dem Polyester/Baumwoll Gemisch des Pullovers in Richtung Boden wanderte. Der Polyesteranteil war viel zu groß um ein einziehen der Flüssigkeit in den Pulli zu ermöglichen.
Vor ihm stand ohne jeden Zweifel seine Traumfrau. Um auf Nummer sicher zu gehen musterte er sie genau und zählte mit stummer Lippenbewegung ihre Arme: „Eins, zwei“ sagte seine Stimme in seinem Kopf und seine Lippen taten das gleiche. Trotzdem blieben die Stimmbänder ruhig.
„Das ist genau die richtige Menge an Armen!“, brüllte er vor Erleichterung. Diesmal blieb seine Kopfstimme stumm. Er hatte nichts gegen Leute mit mehr oder weniger Armen, aber irgendwie passte das nicht in sein Schönheitsideal. Ehrlich, er war da kein Gliedmasist oder wie das heißt, er hatte viele Freunde die ein oder drei Arme hatten. Und mit denen kam er ja auch zurecht. Aber schlafen würde er nicht mit ihnen.
Auch ansonsten schien die Frau auf ihn eine Projektion seines Idealbildes eines Partners, die richtige Menge Augen, die richtige Menge Nasen die richtige Menge Wangen.
Selten war er so übermannt von der bloßen Sichtung einer Person wie diesmal. Auch der Punkt war in seinen Augen auf ihn zugeschnitten. Sie schien genau die richtige Menge an Personen zu sein.
Etwas eingeschüchtert ob der ihm offenbarten perfekten Frau trat er vorsichtig an sie heran.
Der Bass droppte und ihr Kopf fiel mit dem Bass nur um schließlich mit dem Wieder-Einsätzen des Beates abzuspringen und mit geschlossenen Augen sich dem Song hinzugeben.
„Eins, zwei, drei, vier…“, zählte er während er sich ihr näherte. „Genau die richtige Menge an Sprüngen!“, freute er sich, als er das scheinbar perfekte Taktgefühl in ihren Hopsern mitzählen konnte.
Er näherte sich ihr weiter und fühlte sich etwas unwohl. Er kannte sie ja gar nicht, wie sollte er sie also ansprechen ohne creepy zu wirken?
Es war ja schon Clichee genug sich jemanden auf der Tanzfläche anzunähern. Sollte er auf einen dummen Spruch setzen? Die kamen mittlerweile gut an, weil sie ironisch aufgenommen wurden. In seinen Kopf versuchte er es ihr gleich zu tun und genau die richtige Menge an Wörtern sowie genau die richtige Menge an Ironie und Interesse in einen Satz zu formulieren.
Er hatte ja bloß einen Versuch. Aber das war ja genau die richtige Menge an Versuchen.
Er erreichte Sie und begann gegen den Techno an zu stammeln: „Hi,… ich.. äh… wollte nur fragen,…äh keine Ahnung, wie geht’s?“,
sofort ärgerte er sich über seine Uneloquenz, hatte er nicht gerade noch davon gedacht die richtige Menge an Aussage in die ersten Worte zu packen.
„Mmmh?“, reagierte sie trotzdem mit keiner mitschwingenden Abneigung in ihrer Stimme.
„Ob,… äh, wie es dir geht?“, fragte er wieder, kaum besser formuliert als beim ersten mal. Aber er bemerkte wie er Übung bekam.
„Oh ganz gut und selbst?“, fragte sie unbekümmert während ihr Kopf im Takt von Links nach Rechts und wieder zurück wanderte.
„Ja auch… Äh ich wollte dir nur sagen, dass du genau die richtige Menge an Armen hast.“, erklärte er sich und schlug sich im Kopf die Flache Hand gegen eben diesen. Zwar schien er das stottern im Griff zu haben, aber irgendwie waren die Sätze qualitativ trotzdem nicht besser.
„Danke, glaube ich.“, antwortete sie lächelnd: „Ich glaube so bin ich noch nie angesprochen worden.“
Sie war offensichtlich zufrieden mit seinen gewählten Worten, es war wohl genau die richtige Menge an Weirdness darin zu finden. Nur so konnte er sich ihre Reaktion erklären.
„Ich finde auch die Menge an Wangenknochen perfekt.“, ergänzte er übermütig, um an den Erfolg des ersten Satzes anzuknüpfen.
„Und Nasen, die perfekte Menge. Und auch deine Augen, deine Haare…“, mit jeder perfekten Menge die er nannte verschwand das Lächeln der angesprochenen.
„Genau die richtige Menge Brüste.“, ergänzte er gerade, während er näher an sie herantrat.
Er hob die Arme um die Stelle ihrer Brüste anzudeuten als die Freude über den komischen Kauz zu Ablehnung Umschwang. Offensichtlich zu Abneigung, Ablehnung oder Hass. Es war genau die richtige Menge Weirdness um eine Panikreaktion bei seines Gegenüber auszulösen.
Das Pfefferspray in seinen Augen, war genau die richtige Menge um ihm die Menge Schmerz zu erzeugen die es ihm verbat auf seinen Beinen zu bleiben.
Sein Schmerzensschrei, hatte die richtige Lautstärke um die Sicherheitsleute des Clubs zu ihnen zu locken und mit genau der richtigen Menge an Gewalt wurde er aus dem Club getragen und auf die Straße gesetzt.
Vor ihm hielt kurz darauf ein Fahrzeug mit einem jungen Fahrer. Der Mann krubelte sein Fenster herunter und fragte den rausgeworfenen ob alles in Ordnung wäre.
Das war genau die richtige Menge an Fürsorge, dachte er mit noch immer tränenden Augen. Sein Blick scannte den Fahrer.
„Soll ich dich irgendwo hinbringen?“, fragte er freundlich.
„Sie haben genau die richtige Menge an Armen.“, antwortete er ihm leicht dümmlich.
X = ...
Y = ...